Bundesverband Elterninitiativen zur Förderung hyperaktiver Kinder e.V."Unser Kind ist hyperaktiv! Was nun?"


Das Hyperkinetische Syndrom

 von Dr. Klaus Skrodzki, Forchheim

 

Hyperaktivität als Modekrankheit?

Hyperaktivität scheint in Pädagogik, Psychologie und manchen Teilen der Pädiatrie zum Hauptproblem des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu werden. Überall wird davon geredet, heftige Richtungs- und Fachkämpfe ausgefochten und die Medien tun das Ihre dazu, um durch Mischung von gut recherchierten Sendungen und Sensationsshows ohne sachlichen Hintergrund noch mehr Verwirrung zu stiften. Sekten machen sich breit und bieten ihr Heil an, um problembeladenen Eltern auch noch Geld aus der Tasche zu ziehen. Handelt es um eine ähnliche Erkrankung wie bei der sogenannten "Hysterie", die im ausgehenden 19. Jahrhundert zur vermeintlich häufigsten Krankheit, ja fast zur Volksseuche der Frauen wurde. Heute existiert sie nicht mehr und wenn wir davon lesen, können wir nur den Kopf schütteln darüber, wieviel Zeit und Arbeit in eine "eingebildete Krankheit" gesteckt wurde. Sollte es sich beim Hyperkinetischen Syndrom um eine ähnliche Zeiterscheinung, um eine Modekrankheit der Kinder handeln?

Versuchen wir Beispiele, Hypothesen, Beschreibungen und Fakten zusammenzutragen, um ein einigermaßen realistisches Gesamtbild zu erstellen, immer in dem Bewußtsein, daß wir nur ein Abbild unseres derzeitigen Wissens aufstellen können.

Zur Ausprägung des Krankheitsbildes

Bevor morgens ihre 2. Schulstunde beginnt, beklagen sich einige Schüler der Klasse über Thomas, er würde ihnen die Mütze herunterreißen!

8.50 Uhr: Thomas dreht sich verkehrt herum und schreit laut.

8.51 Uhr: Er rutscht auf seinem und dem freien Nachbarstuhl hin und her, steht auf und schiebt die Stühle wie Kinderwagen vor sich her.

8.52 Uhr: Er spannt einen Gummi zwischen beide Hände und spielt damit.

8.53 Uhr: Er ruft grundlos den Namen eines Mädchens.

8.55 Uhr: Er legt sich auf den Tisch

8.56 Uhr: Er spielt wieder mit dem Gummiring und zielt auf Kinder. Nach einer Mahnung, den Gummi herzugeben, schiebt er ihn in den Ranzen.

8.58 Uhr: Thomas steht auf und schlägt um sich. Er zieht Grimassen dazu.

8.59 Uhr: Er durchwühlt grundlos seinen Ranzen.

9.10 Uhr: Er steht auf und schlägt Charlotte.

9.15 Uhr: Thomas fällt vom Stuhl.

9.22 Uhr: Thomas schlägt Anna ohne ersichtlichen Grund, rennt im Klassenzimmer herum und wischt Tische ab.

9.25 Uhr: Er schlägt mit Fäusten auf Markus, rauft mit ihm.

9.27 Uhr: Thomas schiebt seinen Tisch den vor ihm sitzenden Kindern in den Rücken, dann schiebt er seine Knie zwischen Stuhl und Tischkante hoch.

9.30 Uhr: Er legt die Beine auf den Stuhlrücken, dreht der Tafel den Rücken zu.

9.32 Uhr: Thomas steht auf und schreit plötzlich: "Superman".

9.34 Uhr: Thomas zieht Grimassen und legt sich auf seinen Tisch.

9.35 Uhr: Ende der Stunde und man hört förmlich das Aufatmen der Lehrerin.

Kinder mit einem Hyperkinetischem Syndrom fallen überall aus dem Rahmen, nicht nur in der Schule, sondern meist auch im häuslichen Milieu und im sozialen Umfeld. Meist störend bereiten sie Eltern, Erziehern, Umwelt und nicht zuletzt sich selbst erhebliche Schwierigkeiten.

Um einen Teil der Störungen quantifizieren zu können wurde der Connersbogen eingeführt (vgl. auch modifizierter Connersbogen in der Anlage, S 25 ff)

Wenn also folgende Dinge auffallen, sollte man an das Krankheitsbild denken.

Nicht alle genannten Verhaltensauffälligkeiten müssen nebeneinander bestehen und ebensowenig müssen alle Auffälligkeiten gleich stark ausgeprägt sein. Die große Variation in Qualität und Quantität des Erscheinungsbildes macht es schwierig, dieser kombinierten Verhaltensstörung einzuschätzen.

Die folgenden Beispiele sollen solche Kinder in verschiedenen Umgebungen vorstellen:

Beispiel: Ein typisches Sprechstundenerlebnis

Die Mutter kommt mit dem achtjährigen Alexander in mein Sprechzimmer, um ein Problem zu besprechen. Der kleinere, zweijährige Bruder ist auch mit dabei. Während die Mutter das Problem schildert, können sich beide Kinder frei im Raum bewegen. Es sind Spielzeug und Bilderbücher reichlich vorhanden. Alexander geht zur Liege, einmal um die Liege herum, klappt die Tür des Instrumentenschrankes auf, nimmt den Reflexhammer heraus, klappt die Tür wieder zu, klopft mehrfach erst auf die Liege, dann auf das Holz des Schrankes. Die Mutter und ich sprechen ihn an, zeigen ihm Spielzeug und Bücher. Alexander nimmt ein Buch in die Hand, legt es wieder hin, geht zur Liege, nimmt den Hammer und klopft an das Metallgestänge der Liege, fragt mich, wozu das da sei, legt den Hammer hin, läuft zur Waage, steigt drauf, zieht den Meßstab für die Größe zu sich herab, klappt ihn zehnmal auf und zu. Er wippt auf der Waage, steigt auf meine Bitte, das sein zu lassen, von der Waage herunter. Er läuft zur Babywaage, drückt drauf, freut sich, daß sich der Zeiger dreht, versucht es weitere Male, bis die Waage anfängt zu schaukeln und ich ihn bitte aufzuhören. Er greift nach der Meßmulde für Säuglinge, schiebt die Meßlatte hin und her, fragt wozu das Papier ist, zerknüllt es, indem er den Größenschieber mit Gewalt darüber schiebt, wird von der Mutter ermahnt und zu ihr geholt. Er läuft zum Bücherregal zieht mehrere Bücher heraus, läßt sie auf den Boden fallen. Läuft zur Liege, nimmt den Reflexhammer, klopft mehrfach auf den Schrank, legt den Hammer hin, ehe wir etwas sagen können; nimmt das Stethoskop, steckt es in die Ohren, läuft zur Mutter, will ihr die Bluse aufknöpfen und sie abhören. Er läuft wieder zur Waage, beginnt den Meßstab zu biegen, bis ich ihn bitte, das sein zu lassen. Er beginnt das Ausgleichsgewicht der Waage abzuschrauben, läuft zum Bruder, der auf dem Boden mit der Eisenbahn spielt, nimmt ihm die Eisenbahn weg, hakt die Wagen aus, hakt sie wieder ein, verdreht sie, bis ein Haken abbricht und stellt sie wieder dem Bruder hin. Während der ganzen Zeit versucht die Mutter ihn mehrmals zu ermahnen und läßt ihn nur auf meine Worte hin weitermachen. Nach 10 Minuten - solange hat das Ganze gedauert - brechen wir das Gespräch ab und vereinbaren einen Termin ohne Alexander, um uns in Ruhe über eben dieses Problem unterhalten zu können.

Der zweijährige Bruder hat während der ganzen Zeit mit einer Eisenbahn und Bauklötzen auf dem Boden gespielt!

Beispiel: Bericht einer Mutter über den 12- jährigen Florian!

Er kommt grantig und übellaunig aus der Schule und sagt: "Ich habe keinen Hunger, ich will nichts essen!" Befragt: "Wir haben soviel Hausaufgaben auf. Blöde Schule!" Nach dem Essen (wenig): "Ich will noch keine Hausaufgaben machen!" "Aber du hast dich doch für 3.00 Uhr verabredet?" "Ja, ich will aber noch keine Hausaufgaben machen! Blöde Schule!" Stampft mit dem Fuß auf, packt seinen Ranzen, wirft ihn an einer anderen Stelle hin: "Blödes Deutsch!" Gutes Zureden hilft schließlich, ihn zum Hinsetzen und Auspacken zu bewegen. Das Heft wird auf den Tisch geknallt, das Buch fällt gleich runter, das Mäppchen wird aufgerissen - dabei gemurrt und gemault. Unter Tränen: "Soviel haben wir auf, immer soviel. Der blöde Lehrer!" Tritt gegen das Tischbein. Die Mutter schimpft: "Hör endlich auf und nimm dich zusammen, das kleine Stück haben wir doch gleich. Guck mal, so wenig." "Wenig? Päh, soviel! Gemeinheit!" Führt sich auf wie Rumpelstilzchen. Die Mutter schreit. Tränen. Florian: "Du bist immer so gemein zu mir, ganz gemein." Die Mutter traurig: "Ich geh jetzt weg!"-- "Ach so hab ich´s nicht gemeint. Nicht weggehen, bitte nicht! Ich mach´s ja!" Setzt sich hin und plötzlich geht es voran. Die Mutter wieder ruhig, lobt ihn nach 2 Wörtern "Siehst du, es geht ja prima!" Und in 10 Minuten sind 2/3 der Hausaufgaben fertig. "Jetzt brauch ich aber eine Pause!" "Ach komm, wir machen erst zu Ende." "Nein! Jetzt brauch ich die Pause, nur 5 Minuten!" Und das ganze Kampfspiel beginnt wie oben.

Handelt es sich um eine Modeerscheinung ?

Schon 1808 beschrieb Dr. Haslam, Leibarzt Kaiser Napoleon I. ein "moralisch krankes Kind, Sklave seiner Leidenschaften, Schrecken der Schule, Qual der Familie, Plage der Umgebung."

1844 entstand in Frankfurt das Buch "Der Stuwelpeter" von Heinrich Hoffmann. Dieser Frankfurter Arzt beschrieb aus eigener Erfahrung typische Erscheinungsbilder hyperkinetische Kinder: den Zappelphilipp, den fliegenden Robert, Hans guck in die Luft und den bösen Friedrich.

1881 beschrieb Scherpf "das impulsive Irresein als häufigste kindliche Seelenstörung"

1902 erforschte der englische Kinderarzt Still Kinder mit "Defects in Moral Control"

1917 schrieb Professor Czerny über "Schwererziehbare Kinder" und

1937 Dr. Charles Bradley über die hilfreiche Wirkung der Stimulantien auf verhaltensauffällige Kinder. In den Jahren nach der ersten Beschreibung Bradleys befaßten sich anfangs Kinderärzte und Kinderpsychiater, später Kinderpsychologen mit diesem Krankheitsbild. Es fand erst in den USA, später über Neuseeland, Holland, England und Skandinavien Beachtung. In Deutschland erschienen die ersten Berichte Mitte der 60er Jahre. Dann allerdings zahlreiche Publikationen; allein im deutschsprachigem Raum 1965 bis 1985 über 250 Arbeiten, die sich ausschließlich mit diesem Thema beschäftigen von medizinischer, psychologischer und pädagogischer Seite.

Begriffsabgrenzungen:

Unter ganz verschiedenen Namen wird von den Autoren eine ähnliche Problemgruppe beschrieben:

MCD: Minimale cerebrale Dysfunktion war früher die häufigste Bezeichnung.

MBD: Minimal Brain Dysfunction/ Damage

POS: Psycho - organisches Syndrom ist in der Schweiz üblich

HKS: Hyperkinetisches Syndrom hat sich in Deutschland eingebürgert.

ADDS: Attention Defizit Disorder Syndrom mit / ohne Hyperaktivität und Sozialstörungen gilt in den USA und nach der WHO (Weltgesundheitsbehörde) als die jetzt korrekte Bezeichnung = Aufmerksamkeitsstörung

SIS: Sensorische Integrationsstörung

Hirnfunktionsstörung, Partielle Hirnreifungsstörung, Hirnorganisches Psychosyndrom

Teilleistungsstörung, Minimale cerebrale Bewegungsstörung,

Hyperaktive Kinder, Ungeschickte Kinder, Aufmerksamkeitsgestörte Kinder, Kinder mit besonderem Förderbedarf, Schwerkraftverunsicherte Kinder

"Phosphatis" ................ Phosphatgeschädigte Kinder

"Hypies" ....................... Hyperaktive Kinder

 

Alle Namen umfassen nur Teilaspekte der Störung und sind nicht identisch, aber sie überschneiden sich in großen Bereichen. In der Folge werden sie absichtlich nebeneinander verwendet, um zu zeigen, daß sie alle eine gewisse Berechtigung haben. Ihnen ist gemeinsam, daß es sich nicht um Diagnosen handelt, sondern um Sammelbegriffe. Auch handelt es sich mit Sicherheit nicht um eine Modeerscheinung, sondern um die Erkenntnis eines Problems, das erst sehr spät in unser Bewußtsein gedrungen ist. Denn in früherer Zeit, als das Überleben eines Kindes im Vordergrund stand, waren derartige Probleme nebenrangig. Entweder fielen die Schwierigkeiten, beispielsweise einer Bauernfamilie, nicht sehr ins Gewicht, oder die Kinder galten als schwarze Schafe der Familie, ohne daß man die Ursachen ihres Versagens hinterfragt hätte. Erst in unserer Zeit der bewußten Elternschaft, der gezielten Förderung der wenigen Kinder, ist das Störungsbewußtsein größer geworden. Denn wenn man sich als Eltern oder Lehrer in hohem Maß um die optimale Entwicklung eines Kindes bemüht, ist es verständlicherweise frustrierend, wenn das Kind den Erwartungen nicht gerecht wird.

 

Der Symptomenkomplex in den verschiedenen Altersstufen

Das Erscheinungsbild dieser Kinder (Symptomenkomplex) soll in den verschiedenen Altersgruppen beschrieben werden, wobei nochmals betont sei, daß stets nur ein Teil der beschriebenen Symptome auf ein Kind zutrifft und das Erscheinungsbild sehr variabel ist.

Säuglingsalter:

Diese Kinder schreien oft ungewöhnlich viel, ausdauernd und besonders schrill und sind in ununterbrochener Bewegung, quengelig, reizbar, werden schnell wütend und schätzen körperlichen Kontakt wenig. Nie wirken sie entspannt, meist mißmutig und unzufrieden und sorgen für erhebliche Schlafstörungen der Eltern. Wenn die Eltern mit ihnen schmusen wollen, schmiegen sie sich nicht an. Die Mutter wird durch diese Verhaltensweise verunsichert und fragt sich "Mach ich etwas falsch? Ich muß mich wohl mehr um das Kind kümmern!" Aber auch vermehrte mütterliche Zärtlichkeit wird wenig erwidert und für so manche Mutter ergeben sich daraus Probleme, und das Kind wird als schwierig bezeichnet. In der Familie herrscht Gespanntheit, nervöse Gereiztheit und eine gewisse Frustriertheit vor.

Kleinkindesalter:

Meist besteht eine ausgeprägte Trotzphase. Typisch ist eine Erprobungsphase, die für die Umwelt besonders strapaziös ist: Die Eltern berichten, daß das Kind die Fähigkeit habe, aus jeder Situation ein "Happening" zu machen, d. h. alles was es in die Hände bekommt wird zerlegt und im Vorbeigehen um- oder ausgeschüttet, oder in einer Weise damit verfahren, daß es speziell sinnwidrig ist und für die Eltern in Arbeit ausartet. Sinnvolles, konstruktives Spielen entwickelt sich kaum, die Spiele sind vor allem destruktiv und chaotisch. Das Kind läuft häufig weg, klettert über den Zaun und auf die Straße, gefährdet sich selbst. Wenn Besuch kommt oder anderswo ein Besuch gemacht wird, muß das Kind ständig beobachtet und alles verschlossen werden. All diese Dinge treten bei anderen Kindern auch auf, aber nicht so im Übermaß. Oft vermeiden die Eltern Besuche und werden zunehmend isoliert. Wenn das Kind in den Kindergarten kommt, baut es keine Bauklotztürmchen, setzt kein Puzzle konstruktiv zusammen, sondern es zerstört nur: Bauwerke der anderen werden umgeworfen, es ärgert die anderen Kinder, kann nicht alleine spielen, es spielt nicht ausdauernd. Kein Spielzeug wird mehr als einige Minuten und damit nicht sinnvoll benutzt und oft sagt es "mir ist langweilig". Die Kindergärtnerin berichtet, daß es Gruppenspiele nicht mitmacht, oft in der Einzelspielecke sitzt oder daß es ständig zappelt, herumrutscht und nie entspannt ist. Als Folge werden Eltern des öfteren in den Kindergarten bestellt und ermahnt, konsequenter in der Erziehung und aufmerksamer zu sein, da das Kind erhebliche Störungen aufweise. Es wird gesagt: "Das Kind ist ungezogen, sie müssen strenger sein". Zum Kinderarzt kommen die Eltern mit auffallendem Eßverhalten: "Es frißt bedenkenlos alles in sich hinein", oder "es ißt nur ganz wenige spezielle Dinge", mit Schlafstörungen: "Es kann keinen Abend einschlafen, jede Nacht kommt es zu uns, und wenn es dann bei uns ist, ist es so unruhig, daß wir selbst nicht schlafen können"; "Wenn es in den Raum kommt, verbreitet es Unruhe, wir werden alle nervös". "Es kann sich nicht selbst anziehen, zieht alles verkehrt herum an, macht nie einen Knopf zu" und es gibt Probleme mit der Sauberkeitserziehung. Wer die Kinder nur gelegentlich oder kurzzeitig erlebt, sieht keine Probleme: Benjamin, Thomas oder Florian geht mit der Oma oder der Tante weg und ist für einen halben Tag das liebste Kind und die Eltern bekommen zu hören: "Seht ihr, wenn er will, dann kann er" und "man muß nur konsequent und streng sein".

Im Vorschulbereich sind die Probleme für die Eltern meistens noch zu bewältigen: der Kindergarten fordert noch keine so strenge Reglementierung und man erwartet, daß dieses Kind einfach von alleine reifer und vernünftiger wird.

Schulalter:

Wenn das Kind in die Schule kommt, werden die Anforderungen erheblich größer. Es soll sich sozial integrieren in eine Klassengemeinschaft und soll bestimmte Spielregeln akzeptieren lernen, aber genau da liegt das Problem: In der Zweierbeziehung können einfache Regeln noch akzeptiert und verstanden werden, doch sind mehrere Kinder beteiligt, eine Gruppe, und sollen strengere Regeln - wie sie für die meisten Spiele ja gelten - eingehalten werden, so ist es nicht mehr möglich. Das Kind versucht, die Regeln nach seinem Geschmack zu ändern, und wenn die anderen nicht mitmachen, gibt es Spannung und Streit. Bereits nach kurzer Zeit kommt es zur Ablehnung durch die Kameraden, weil sie nicht bereit sind, den Herrschaftsansprüchen eines Kindes zu folgen und sie selbst ja die gültigen Spielregeln akzeptieren. Will das Kind es besonders gut machen und versucht, die Regeln einzuhalten, mißglückt ihm dies. Enttäuscht fängt es an zu weinen und wird dafür von den Kameraden auch noch ausgelacht, weil es nicht gelernt hat, sich zu beherrschen. Diese Affektlabilität und Frustrationsintoleranz ist eigentlich typisch für das Kleinkindesalter. Es weint wegen Kleinigkeiten, gerät gleich in Zorn und seine Stimmung schlägt plötzlich um; es kommt zu unverschämten, provokanten und aggressiven Redeweisen. Im Schulalter ist diese Phase bei anderen Kindern meist schon überwunden, nicht jedoch bei unserer Gruppe von Kindern mit Hirnreifungsstörung - sie sind in einem kleinkindhaftem Verhalten stehen geblieben. Wenn sie etwas wollen, muß der Wunsch sofort erfüllt werden. Sie können nicht warten, sondern kriegen wieder einen Wutanfall. Genau so schnell sind die Wünsche bei Ablenkung oft wieder vergessen. Andererseits freut sich das Kind wenig und wirkt nach außen hin traurig, mißmutig, und wenn man sich mit ihm unterhält, zeigt es häufig depressive Verstimmung. Ja es ist sogar ein Kennzeichen, daß eine unglückliche Grundstimmung besteht, oft überspielt durch äußerliche Unbekümmertheit. Eltern berichten, daß sich ihr Kind "überfreut" oder "überärgert" hat, und es dann meistens völlig unerträglich sei.

Es handelt sich also nicht um lebhafte, vergnügte, bewegungsfreudige Kinder, wie man nach dem Namen Hyperaktiv - "Überaktiv" meinen könnte, sondern um eine Gruppe, die unter ihrem eigenen Anderssein leidet.

Impulsivität und Aggressivität sind bei diesen Kindern weit verbreitet und sie scheinen manchmal keinerlei Angstgefühl zu haben: ohne schwimmen zu können, sprang Ludwig mit 3 Jahren ins tiefe Wasser; als 4-jähriger vom 3-m-Brett, als 11-jähriger Kopfsprung vom 5-m-Turm. Fahrradunfälle waren häufig, weil er Rennfahrer werden wollte. Sturz vom Baum. Beim Luftanhalten schaffte er es ohnmächtig zu werden. Beim Skifahren konnte die Mutter nicht mehr mitgehen, weil er so wild und gefährlich den Hang hinunterraste. Es gibt aber auch die Überängstlichen, oft motorisch ungeschickt, die sich nicht von den Eltern trennen können und mit ihrer Unsicherheit die Überbehütung durch die Eltern herausfordern.

Die Impulsivität geht soweit, daß diese Kinder in der Schule den Finger heben zur Antwort, ehe die Frage fertig gestellt ist und oft ist es ihnen lieber, überhaupt eine Antwort zu geben, als die richtige. Wenn sie nicht drankommen, platzen sie mit ihrer Antwort einfach so heraus. Ihre Aufmerksamkeitsspanne ist außerordentlich kurz. So wie sie früher kein Puzzle fertig machen konnten und keinen Turm mit mehr als 4 oder 5 Klötzen bauten, so wird später keine Zeichnung fertig. Im Basteln und Spiel wird alles angefangen - "sie sind sehr unternehmungslustig" - aber nichts zu Ende geführt. Es liegen Dutzende von angefangenen Schiffs-, Flug- und sonstigen Modellen herum und keine Handarbeit kommt soweit, daß sie zum vorgesehenen Zweck angewendet werden kann. Das gleiche gilt für die Hausaufgaben: da die Aufmerksamkeitsspanne so sehr kurz ist, fällt dem Kind ständig etwas Neues ein: es muß sich am Bein kratzen, das Lineal aufheben, den Radiergummi anders hinlegen, den Bleistift spitzen, aus dem Fenster gucken: "da ist eine Schwalbe", das Eselsohr im Buch herausblättern oder ein Neues auf der anderen Seite hineinknicken, auf der Seite vorher nachgucken, wie die Aufgabe gestern war und den Hamster füttern. Als Folge gehen die Hausaufgaben nicht voran, sie werden schlecht gemacht und benötigen außerordentlich lange Zeit. Genau das gleiche sehen Sie im Unterricht: da die Aufmerksamkeitsspanne nicht groß genug ist, unternimmt das Kind ständig neue Dinge (s. Zeugnis, S 10!)

Man darf nun nicht glauben, daß alle Kinder dieser Krankheitsgruppe wirklich ein hyperaktives Verhalten zeigen. Es gibt durchaus auch das Gegenteil: die Hypoaktiven, das sind Kinder, die überhaupt nicht herumzappeln und nicht unruhig wirken, eher apathisch. Sie fallen auf diese Weise zwar weniger auf, aber sie haben alle anderen Störungen (erinnern Sie sich an die 7 Punkte zu Anfang): Störungen der Konzentrationsfähigkeit, abnormes Sozialverhalten, sind ruppig bis explosiv und wirken nach außen hin unbegabt, leistungsschwach und sozial isoliert. Das trifft besonders oft für Mädchen zu. Sie zeigen weniger oft motorische Unruhe als die Jungen.

Adoleszentenalter:

Bei vielen ADS-Kindern tritt die Pubertät später auf als bei den Gleichaltrigen. Das paßt zu ihrer psychischen Reifungsverzögerung. Dann aber erscheinen alle Probleme der Vorpubertät und Pubertät in verstärktem Maße. Die Ablehnung der Umwelt ist durch das erheblich gestörte Selbstwertgefühl stärker als üblich. Die Schwierigkeiten und Streitigkeiten mit den Eltern, der Widerspruchsgeist im Ablösungsversuch von der Familie nehmen Formen an, die unerträglich werden. Oft besteht Selbstgefährdung, tiefe Depression bis hin zu Selbstmordgedanken, Neigung zu Asozialität, Kriminalität und Drogensucht und immer wieder finden sich kleinkindhafte Verhaltensweisen, wenn z. B. der 14-jährige aus dem Badezimmervorhang die dunklen Karos des Musters ausschneidet!

Aus der Hyperaktivität wird jetzt häufig eine "Nullbock"-Mentalität d.h. sie haben keinerlei Interesse, keinen Antrieb etwas anzufangen, geschweige denn eine Arbeit oder Aufgabe zu Ende zu bringen. Die Berufswahl wird zur Katastrophe, da sie eigentlich gar nichts interessiert oder höchstens etwas, das sie mit ihren bisherigen schulischen Leistungen nicht erlernen können. In der Berufsausbildung haben sie es besonders schwer, weil sie oft muffig, schlecht gelaunt und faul wirken. Wenn sie dann auch noch frech und vorlaut sind, ist das Arbeitsverhältnis oft sehr schnell wieder gelöst. Wenn man frühzeitig Interessen und Hobbys unterstützt hat, kommen diese jetzt manchmal zum Tragen und können von großen Nutzen für die Berufswahl sein, da auf Lieblingsgebieten bei diesen Jugendlichen oft ein ganz erstaunliches Wissen besteht.

Im Erwachsenenalter:

Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Konzentration bleiben bestehen. Aus Hyperaktivität wird jetzt Inaktivität, gepaart mit Nervosität. Weiter bestehen Stimmungsschwankungen, ausgeprägte psychische Labilität und Impulsivität (geschäftlich, finanziell, privat), die zu unüberlegte Entscheidungen führt, zu Ungeduld und Jähzorn und leider oft zur Unfähigkeit sich und das Leben zu organisieren.

Die niedrige Streßtoleranz, fehlende Ausdauer, Egoismus z.T. gepaart mit unbegrenzter Großzügigkeit, führen zu Unzuverlässigkeit und schnell wechselnde Freundschaften und Bindungen. Suchttendenzen (Spiel-, Kauf-, Drogen-, Alkohol-) können schließlich Beruf und Karriere zerstören.

Wir haben hier nicht von ihren positiven Eigenschaften wie Phantasie, Kreativität, grenzenlose Einsatzbereitschaft, Spontaneität und Wärme gesprochen, die aber leider in unserer Gesellschaft oft nicht hoch genug bewertet werden, um ihre Schwierigkeiten aus zu gleichen.

Zusammenfassung:

Fassen wir noch einmal die wichtigsten Punkte zusammen, die diese Kinder behindern und den Umgang mit ihnen schwierig und aufreizend machen: 

Die Folge davon sind nahezu immer Schul- und Berufsschwierigkeiten. Wenn zusätzlich noch Teilleistungsstörungen bestehen, wie z.B. Lese-, Rechtschreib-, Rechenschwäche, Koordinations- und Wahrnehmungsstörungen der verschiedensten Art (und das ist häufig der Fall) haben sie trotz normaler Intelligenz allergrößte Schwierigkeiten in der Schullaufbahn. (Der berühmte Erfinder T. A. Edison hatte eine ausgeprägte Lese/ Rechtschreibschwäche!). Oft landen sie schließlich in Sonderschulen und in Anlernberufen, und finden ihre "Freunde" nur noch in Drogen- und kriminellen Kreisen. Dann beschränkt sich ihr Vergnügen auf das Suchen von "gefährlichen" Situationen ( S- Bahn - Surfen, Autorennen, Autocrash)

Häufigkeit:

In allen Ländern, in denen bisher Untersuchungen zur Häufigkeit des hyperkinetischen Syndroms durchgeführt wurden, fand man zwischen 5 und 14 % verhaltensauffällige Kinder. Unterschiede bestanden nach Beurteilern, also Ärzten, Lehrern, Erziehern oder Eltern; der Unterschied zwischen den Kulturen - USA, Kanada, ehemalige DDR, Neuseeland, Rotchina oder auch bei den Hopi-Indianern im Reservat - war nicht signifikant. Jungen sind 5 bis 9 mal so häufig betroffen wie Mädchen. Auffallend ist, daß eineiige Zwillinge meist gemeinsam betroffen sind.

 

Wahrnehmungsstörungen als bedeutsames Merkmal des HKS

Bei der medizinischen Untersuchung erkennt man oft einen unharmonischen Bewegungsablauf und damit eine deutliche Diskrepanz zu anderen Kindern: während die Bewegung gesunder Kinder meist rund und wellenförmig ist, wirken diese Kinder ausgesprochen eckig, ruckartig und ungeschickt. Neurologisch finden sich zum Teil mäßige Störungen der Feinmotorik, der Balancefähigkeit, der allgemeinen Geschicklichkeit, also insgesamt Zeichen einer leichten Hirnfunktionsstörung.

Das hat Auswirkungen besonders auf die Schrift: Allein der motorische Vorgang des Schreibens ist für sie eine Qual und mit großer Anstrengung verbunden: der Stift wird verkrampft gehalten, die Hand ist schweißnaß und die Buchstaben werden ins Papier eingekerbt. Ihre Schrift gefällt ihnen auch nicht, aber es geht nicht besser. Und wenn sie einmal ein paar gute Zeilen zu Papier bringen, ernten sie kein Lob, sondern nur den Tadel: "siehst du, du könntest ja, wenn du nur wolltest".

Bei diffiziler Untersuchung entdeckt man zahlreiche Wahrnehmungs- und Programmsteuerungsstörungen und fast immer erhebliche Verzögerungen in der psychomotorischen Entwicklung und der sensorischen Integration. Unter sensorischer Integration versteht man die sinnvolle Ordnung, Aufgliederung und Zusammenfassung von Sinneserregung, um diese nutzen zu können. Die Nutzung besteht in der Wahrnehmung und Erfassung des Körpers in Bezug zur Umwelt. Durch die sensorische Integration wird erreicht, daß alle Abschnitte des zentralen Nervensystems zusammen arbeiten, die erforderlich sind, damit ein Mensch sich sinnvoll mit seiner Umgebung auseinandersetzen kann und Befriedigung dabei erfährt.

Die wichtigsten Wahrnehmungsstörungen:

Verminderte Erfassungsspanne

Wird ein 4-jähriges Kind beauftragt, 3 Gläser, 2 Gabeln, 2 Löffel und Senf aus der Küche zu holen, so hat es außer dem Senf das meiste vergessen, ehe es die Küche erreicht. Eine so große Zahl von Information kann sein Gehirn noch nicht aufnehmen. Bereits Ende des Grundschulalters erreicht die sog. Erfassungsspanne Erwachsenenniveau und erfaßt rund 7 +/- 2 Einzelelemente. Je vertrauter eine Information ist, desto mehr Umfang kann das Einzelelement haben. Bei vielen POS-Kindern ist die Erfassungsspanne jedoch nicht altersgemäß entwickelt. Diese Verminderung hat in der Schule verheerende Folgen: weil vieles nur halb aufgenommen wird, entstehen große Lücken und das Kind muß sein Halbwissen dauernd mit eigenen Überlegungen und Schlußfolgerungen zu kompensieren versuchen.

Verminderte Kanalkapazität

Alles was man gleichzeitig hören, sehen, riechen, schmecken, tasten und fühlen kann, fließt wie in einem Sammelkanal auf uns zu und wird registriert. Dieser Kanal hat nur ein bestimmtes Fassungsvermögen, was seine Kapazität übersteigt, geht verloren. Die Kanalkapazität ist die Summe der Erfassungsspannen aller Sinnesbereiche. Je umfangreicher ein Teilgebiet ist, desto geringer ist die Kapazität für andere Teilaspekte. Die vielen Sinnesreize, die mangels Kanalkapazität nicht mehr aufgenommen werden können, führen aber zur viel zitierten Reizüberflutung. Das Übermaß an nicht verarbeiteten Reizen bewirkt entweder Überaktivität, also Zappeligkeit oder völliges Abschalten mit nachfolgender Handlungsunfähigkeit. So ist der fehlende Blickkontakt vieler dieser Kinder, wahrscheinlich eine vernünftige Reaktion, um wenigstens einen Teil der visuellen Reize auszuschalten.

Verminderte Diskriminationsfähigkeit

Vieles in unserem Verhalten wird gesteuert durch die Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen und die Bedeutung dieser Unterschiede zu erkennen. Wenn ein Kind also Eindrücke nicht in allen Feinheiten differenzieren kann, kann es Wichtiges und Unwichtiges nicht voneinander unterscheiden und es verhält sich daher unangepasst und ihm fehlt eine wesentliche Kontrolle seines Verhaltens. Es hat Mühe zu bemerken, "was es geschlagen hat".

Veränderte Reizschwelle

Für manche Sinnesqualitäten ist die Reizschwelle bei diesen Kindern herabgesetzt, so daß z. B. körperliche Zärtlichkeiten einen unangenehmen Reiz bedeuten können oder innere Unstimmigkeiten aus dem körperlichen oder seelischen Bereich intensiver empfunden werden und das Kind zum Schrei-Baby wird. Für andere Sinnesqualitäten kann die Reizschwelle erhöht sein, so daß z. B. Schmerz viel weniger bemerkt wird. Bei gemindertem Berührungsempfinden werden Spielsachen auch später noch auffallend häufig in den Mund genommen, um zusätzliche Information zu gewinnen. Dabei sind diese Kinder allgemein sehr sensibel, erspüren Stimmungen ihrer Umwelt und leiden deshalb in einer problemgeladenen Atmosphäre mehr als andere.

Verlangsamte Umstellungsfähigkeit

Wenn eine Arbeitstechnik einmal angelernt ist, fällt es POS-Kindern besonders schwer, eine neue Arbeitstechnik zu erlernen. Ungeeignete Programme werden nicht unterdrückt, sondern laufen immer wieder ab. Solange alles im gewohnten Trott läuft, können sie sich zurechtfinden, wird jedoch rasche Umstellung verlangt, sind sie überfordert und versagen.

Intermodale Störung

Informationen aus verschiedenen Sinnesmodalitäten, also visuelle, auditive und taktile Informationen werden nicht sinngemäß koordiniert, so daß diese Kinder Mühe haben, Erfahrungen aus einem Lebensbereich in einen anderen zu überragen. Schon der halbjährige Säugling weiß, daß etwas zum Hören auch etwas zum Sehen ist und dreht deshalb den Kopf nach einer Geräuschquelle. Genauso hat er gelernt, daß etwas zum Tasten auch etwas zum Sehen ist und führt Gegenstände, die ihm in die Hand gelegt werden, vor die Augen. Das Kleinkind, das Spielzeug in den Händen dreht, aber mit den Augen anderswo ist, verbindet Tasten und Sehen noch nicht miteinander. Wenn die intermodale Störung anhält, entstehen beim Schreiben und Lesen dadurch Probleme.

Seriale Störung

Durch lückenhafte Wahrnehmung können zeitlich nacheinander folgende Abläufe einer Handlung schlecht erkannt und reproduziert werden. Schon im 2. Lebensjahr weiß ein Kind, wenn ihm die Mutter den Pullover über den Kopf zieht, daß jetzt nacheinander erst der eine und dann der andere Arm durch den Ärmel gesteckt werden muß und hebt den entsprechenden Arm hoch. Diese Fähigkeit, Handlungsabläufe zu erkennen und nachzuvollziehen, ist außerordentlich wichtig. Bei mangelhaftem Nachahmen im Kleinkindesalter kommt es zu unbefriedigendem Spielverhalten und später in der Schule zu Schwierigkeiten in allen Bereichen, die bestimmte Abläufe beinhalten. Durch mangelhaftes Nachahmen entgehen diesen Kindern Erfahrungen, denn vieles, was das kleine Kind nachahmend spielerisch einübt, muß das serial gestörte Kind später mühsam und bewußt erlernen.

Mangelhafte Codierung und Optimierung erlernter Abläufe

Wenn wir etwas neu erlernen, so speichern wir erst Einzelelemente im Gehirn. Später - mit mehr Erfahrung - werden Gruppen von Einzelelementen gespeichert, so daß mit einem einzigen Impuls eine ganze Gruppe von gespeicherten Eindrücken abgerufen werden kann. Nur dadurch können Prozesse mit großer Geschwindigkeit ablaufen. Der Vorgang "Schuhe binden" ist für den Erfahrenen ein einziger Impuls, der automatisch abläuft. Für das POS-Kind ist es eine große Summe von Einzelelementen: "Schnürsenkel auf beiden Seiten anziehen, Bänder untereinander durchführen zum Knoten, den Knoten zuziehen und festhalten. Ein Band zur Schlaufe legen, das zweite Band um das erste Legen, umknicken und darunter durchschieben, beide Enden festhalten und gleichmäßig ziehen, ohne daß die Enden herausrutschen". Ganz ähnlich sieht es beim Schreiben aus: Trotz zahlreicher Wiederholungen bleiben für die POS-Kinder ganze Bewegungsabläufe immer noch die Summe einzelner Bewegungsschritte, d. h. sie benötigen für die Wiederholung dieser Vorgänge ungleich mehr Zeit und Energie und dadurch kommt es schneller zur Ermüdung und zum Überdruß.

Fehlerhafte Suchstrategien

Der Zugriff auf gespeicherte Daten ist nicht immer direkt möglich. So müssen Suchstrategien eingesetzt werden, um ans Ziel zu kommen: Man kann ein Feld systematisch absuchen oder durch Assoziation über andere gespeicherte Daten eine Lösung finden. Fehlt eine Suchstrategie, wird eine Lösung bestenfalls zufällig gefunden. POS-Kinder suchen meistens wahllos herum, übersehen ganze Felder, suchen andere mehrfach ab, erscheinen auf den Beobachter impulsiv und unsystematisch im Denken, oft sogar unlogisch und dumm, da sie nicht selten - des Suchens müde - irgendeine zufällige Lösung und damit oft falsche Lösung anbieten.

Diese Darstellung aus der Computerterminologie wurde von der Entwicklungsneurologin Frau Ruf-Bächtiger aus Basel gewählt. Untersuchungen solcher Wahrnehmungsstörungen gibt es von Affolter, Frostig, Virginia Douglas aus Toronto, Hans Grissemann aus Zürich und anderen mehr.

 

Ursachen (Hypothesen) des Krankheitsbildes

In den letzten 30 Jahren wurden am häufigsten Erziehungsfehler, Elternproblematik, Vernachlässigung, Deprivation und frühkindliche Traumata für die Ursache gehalten und die Störungen als soziales und pädagogisches Problem angesehen. Die meisten neueren Untersuchungen sind sich jedoch einig, daß diese Faktoren nicht die Ursache sind, wohl aber die Ausprägung und das Erscheinungsbild erheblich beeinflussen können. Man stellte fest, das POS-Kinder in heilen Familien genau so häufig vorkommen wie in gestörten Familien. Meist finden sich in Familien mehrere unauffällige Kinder und nur ein "Problemkind". Häufig sind die innerfamiliären Probleme sekundär, d. h. ein Grund für die ehelichen Schwierigkeiten sind unterschiedliche Auffassungen über die Erziehung eines schwierigen Kindes. Der Lehrer, der Psychologe, der Familienberater, der das Kind mit 7 oder 8 Jahren und die Zerwürfnisse in der Familie sieht, zieht den Schluß, daß das Verhalten der Eltern, das Milieu, das Kind so gemacht hat. Die Vorstellung, daß schwieriges Verhalten eines Kindes seit der Geburt auch das Verhalten der Eltern - und der Eltern untereinander - bestimmt und zu der jetzt sichtbaren Familiensituation geführt haben kann, muß sich erst sehr langsam und mühevoll einbürgern. Und viele Eltern leiden schwer unter der Vorstellung schuld zu sein am problemreichen Verhalten der Kinder.

Die Forschungsergebnisse der letzten 50 Jahre machen eine Stoffwechselstörung am wahrscheinlichsten. Als Denkmodell und realistische Hypothese ist diese Vorstellung am Besten brauchbar. Ein genetischer Defekt und/oder eine Störung zur Zeit der Gehirnentwicklung führen zu einer Andersartigkeit, zu einer Funktionsstörung des Neurotransmitter-Systems unseres Gehirns. Neurotransmitter sind Überträgersubstanzen am Nervenende, dort, wo ein Spalt am Übergang von einem Nerv zum nächsten Nerv besteht. Kommt ein bestimmter elektrischer Reiz über den Nerv an, muß er durch chemische Substanzen, eben die Neurotransmitter, über diesen Spalt hinweg transportiert werden, um den neuen Nerv zu erregen. Diese Substanzen, die bekanntesten sind das Serotonin, das Dopamin, das Noradrenalin, müssen auf der anderen Seite durch Enzyme abgebaut werden. Eine Störung in Zusammensetzung und Abbau oder ein Mangel an diesen Überträgersubstanzen führt zur gestörten Reizweiterleitung und Reizverarbeitung und damit zur mangelhaften Information und endlich zur Hirnfunktionsstörung. In bestimmten Hirnarealen konnte mit aufwendigen Untersuchungen eine Minderdurchblutung, in anderen eine Zuckerverwertungsstörung nachgewiesen werden. Damit sind wir vom eigentlichen Wissen um die Ursachen noch weit entfernt, können aber zumindest sagen, daß es nachweisbare organische Veränderungen gibt.

Als äußere zusätzliche Ursache für die Stoffwechselstörung werden auch zahlreiche Nahrungsmittelbestandteile angeschuldigt. Im Amerika der 50er Jahre die Salicylate von Benjamin Feingold, in Deutschland seit den 70er Jahren von Herta Hafer insbesondere die Phosphate und Nahrungszusatzmittel, und von Professor Egger, München sogenannte Pseudoallergene. Der wissenschaftliche Beweis dafür steht noch aus.

 

Diagnostische Möglichkeiten und Kriterien

Ausführliche und genaue Anamnese:

Zum Ausschluß anderer Erkrankungen, die ähnliche Erscheinungen zeigen könnten:

Überprüfung: Hören, Sehen

Differentialdiagnose:

 

Therapieformen beim Hyperkinetischen Syndrom

 Überblick:

Nahezu immer ist Multimodale Therapie erforderlich:

 

Die Therapieformen im einzelnen:

1. Erziehung

Mehr als alle anderen Kinder brauchen diese ein ganz striktes, klar erkennbares Erziehungskonzept. Regeln und Maßnahmen müssen so klar strukturiert sein, daß das Kind "genau weiß, wo es lang geht". Die Erziehung muß ihm rechts und links ein Geländer an die Hand geben und ihm damit klar den Weg weisen. Der Tagesablauf soll möglichst gleichmäßig geregelt sein, Machtkämpfe und Diskussionen sind zu vermeiden. Das, was das Kind nicht kann, nämlich: Anhalten, Hinhören und Hinsehen vor dem eigentlichen Handeln, muß der Erzieher um so mehr. Die kurze Denk- und Handlungspause soll ihm helfen, die Nerven nicht zu verlieren. Hat er aber einmal eine Entscheidung getroffen, soll er diese auch durchsetzen: nämlich Handeln statt reden. Die Eltern müssen mit verbaler Kritik, Ermahnung und Schimpfen sparen, da die Kinder nur zunehmend "elterntaub" werden. Die Eltern müssen trotz aller Unaufmerksamkeit mit ihrem schwierigem Kind sprechen, ihr Sprechen aber durch klar erkennbare Handlungen untermauern. Und schließlich müssen die Eltern lernen, die richtige Einstellung zu diesem Problem zu finden, denn das Problem wird mit Sicherheit über lange Zeit, wenn nicht immer, weiterbestehen.

 

2. / 5. Programme zur Verbesserung der psychomotorischen Koordination, der sensomotorischen Integration und zum Abbau der verschiedenen Wahrnehmungsstörungen (Psychomotorik, Ergotherapie, Frostig- Programme).

Hier eignet sich besonders die Psychomotorik, bei der die Kinder Freude an und mit der Bewegung haben, spielerisch die Steuerung ihres Körpers und den Umgang mit Raum, anderen Kindern und der Gruppe erlernen ("Gas und Bremse gebrauchen lernen" siehe Beitrag Jonny Kiphard).

In der Ergotherapie wird besonders die Körperwahrnehmung in allen ihren verschiedenen Bereichen gefördert (vgl. Beitrag Ernst Bartel)

Bei Teilleistungsstörungen können Übungen nach dem Konzept von Marianne Frostig gute Hilfe leisten oder bei der Legasthenie (vgl. Beitrag Frau Dr. Klasen) auch Lern-hilfen z. B. nach Marlis Kretschmann.

Solche Programme können Besserung erzielen, wenn die Fähigkeiten der Kinder gefördert und nicht die Störungen und Leistungsschwächen betont werden. Ein Problem ist hierbei, daß außer in den Großstädten nur wenige Therapeuten mit Erfahrung zur Verfügung stehen, so daß deren nützliche Hilfe (als Therapie einer grundlegenden Störung) nicht oft genug und nicht überall angewandt werden kann.

 

3. Psychologische und pädagogische Beratung

Familientherapie, nicht um den Eltern Ratschläge zu erteilen, sondern ihnen zu helfen mit ihrem eigenen Problem im Umgang mit dem schwierigen Kind fertig zu werden und die Familie an diesem Problem nicht zerbrechen zu lassen. Hier sind besonders die Erziehungs- und Familienberatungsstellen gefordert.

psychologische Einzeltherapie

Beschäftigungs- und Spieltherapie, wobei sich nach meiner Erfahrung die non-direktive Spieltherapie für Hyperaktive meist nicht eignet.

Verhaltenstherapie z.B. nach Petermann / Petermann

 

6. Diät

Unter einer bestimmten Auslaßdiät (allergenarme Ernährung), die ganz individuell erprobt werden muß, kommt es bei einem Teil der hyperkinetischen Kinder zu einer Reduzierung ihrer Störungen. Diese Beobachtung wurde von vielen Eltern und praktisch tätigen Ärzten gemacht, in großen wissenschaftlichen Studien konnte der Effekt bisher jedoch nicht sicher bewiesen werden. Die "phosphatreduzierte Diät" hatte oft mehr ideologischen Charakter. Es gibt jedoch ernst zu nehmende Ansätze einer "allergenarmen" Kost. Die Schwierigkeiten der Diät sind die

große individuelle Streuung der Substanzen, die stören sollen,

die starke Ausrichtung der gesamten Familie auf diese Kost für ein Kind und Mühe bei Einkauf und Herstellung

Erfahrung, daß manche Kinder ihr Verhalten mit "Diätfehlern" entschuldigen und sich damit nicht mehr verantwortlich fühlen.

Ab etwa dem 10. Lebensjahr ist Diät meist praktisch nicht mehr durchführbar, da die Kinder sich selbst andere Nahrungsmittel leicht besorgen können. Dabei würden sie durch strenge Diätvorschriften noch mehr zu Außenseitern (Auf der Party wird nicht die Torte, sondern das mitgebrachte Spezialbrot verzehrt). Und der 14 jährige klaut notfalls, um auch mit bei Mc Donalds zu essen. Es gibt Ausnahmen, wenn z. B. der oder die 16 jährige ganz bewußt eine Diätrichtung , die ihm zu bekommen scheint, einschlägt und durchhält.

 

7. Medikamentöse Therapie

Hier handelt es sich nicht um Medikamente aus dem Bereich der Tranquilizer und Sedativa, die hyperaktiven Kinder dämpfen sollen ("Pillen für den Störenfried") und bei vielen dieser Kinder sogar eine gegenteilige Wirkung haben, sondern um Substanzen, die ähnlich aufgebaut sind wie unsere körpereigenen Neurotransmitter und offensichtlich zum Teil die Grundstörung (gestörte Reizleitung und Verarbeitung) verringern oder sogar aufheben. Die heutige wichtigste Gruppe sind die sog. Stimulantien (Amphetaminabkömmlinge).

Stimulantien können als Suchtmittel eingenommen und gespritzt werden, und der Drogenkonsument wird unter diesen Medikamenten überaktiv, euphorisch, überschätzt sich selbst, fühlt sich als der Größte und Stärkste (die Kamikaze - Flieger im 2. Weltkrieg nahmen Stimulantien) und wird von diesen Medikamenten psychisch abhängig. Für sie stellen diese Substanzen ein erhebliches Suchtpotential dar. Allerdings benötigen sie Dosen von 1 - 2 Gramm, und sie werden nicht physisch (wie bei Heroin), sondern psychisch abhängig.

Für hyperaktive Kinder sieht die Wirkung völlig anders aus: ½ Stunde nach Einnahme ( von 1o - 20 Milligramm!) werden diese Kinder ruhiger, aufmerksamer, ausgeglichener und die Aggressivität sinkt. Die Wirkung hält ca. 4 Stunden an. Abhängigkeit oder Toleranzentwicklung gibt es nicht. Kurzfristige Nebenwirkungen sind Appetitlosigkeit, gelegentliche Kopf- und Bauchschmerzen und bei falscher zeitlicher Dosierung Schlafstörungen. Ganz häufig aber werden schon vorher bestehende Schlafstörungen unter der Therapie geringer. Langzeitnebenwirkungen sind bei bisher fast 60-jähriger Beobachtung nicht erkennbar. Über 80 % sprechen auf das Medikament an. Die Verhaltensänderung unter Medikation ist für die Eltern, Erzieher, Lehrer und die Kinder selbst oft verblüffend: Die Betroffenen sind plötzlich in der Lage, ihre Umgebung richtig wahrzunehmen, Informationen regelrecht zu verarbeiten und damit Leistungen zu erbringen und Verhalten zu zeigen, das ihrer eigenen Persönlichkeit und ihrem Vermögen entspricht. Schrift, Stil und Fehlerzahl verbessern sich oft schlagartig. Es kommt zur Entspannung der familiären und schulischen Situation, zur Vermeidung weiterer Aggressionen und Frustrationen, die sonst als sekundäre Folgen das spätere Leben dieser Kinder in schwerster Weise beeinträchtigen. Zur angepaßten kleinen Erwachsenen - wie manchmal behauptet wird - werden sie nicht, sondern sie behalten sehr wohl ihre persönlichen Eigenarten.

Die Dosierung des Medikamentes muß individuell bestimmt werden und das ist nur vernünftig durchführbar bei differenzierter und genauer Rückmeldung der Betreffenden, d. h. der Eltern, der Lehrer und Erzieher. Dabei ist eine langsame Dosissteigerung ( am Besten in Wochenabstand ) und eine für den Einzelnen passende Höchstdosis anzustreben. Die Dosierung nach Körpergewicht ist nicht sinnvoll.

Wir wehren uns heute - z. T. sicher mit Recht - gegen medikamentöse Therapien und wollen "natürliche" Methoden und Hilfen, aber nur ein völlig Verantwortungsloser und Unwissender käme auf die Idee, einem Diabetiker sein Insulin vorzuenthalten, weil er gegen Medikamente ist. Für viele Kinder mit einem psychoorganischen oder hyperkinetischen Syndrom stellt aber die medikamentöse Therapie die erste und oft einzige Möglichkeit dar, mit ihnen überhaupt wieder ins Gespräch zu kommen, eine Bereitschaft bei ihnen zu wecken, eine Familientherapie oder ein Programm zum Wahrnehmungstraining überhaupt mitzumachen. Da die Kinder ihre Störbarkeit kennen und darum vor jeder Leistung Angst haben, ist es wichtig, ihnen erst einmal Hilfe zum Erfolg zu geben.

Mütter und Erzieher haben unter den Stimulantien weniger Notwendigkeit, ins Spiel oder in die Arbeit einzugreifen und die Selbständigkeit wird dadurch gefördert. Die Frage "pills or skills (Fertigkeiten)" ist falsch gestellt. Es geht nicht darum, eine Ideologie für Medikamente und gegen andere Maßnahmen zu entwickeln, sondern diesen Kindern bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen. Wir arbeiten nicht gegen die Fehler, sondern für das Fehlende! (Mohr 1965)

Um die Medikamentenwirkung zu stabilisieren und eine längerfristige Besserung zu erreichen, sind Hilfen durch Eltern, Erzieher und insbesondere Lehrer von größter Bedeutung. Hier eine kleine Auswahl, die aber jeder mit Erfahrung und persönlichem Engagement ausarbeiten und verbessern kann:

Strenge, aber liebevolle Führung, d. h. Konsequenz in allen wichtigen Dingen, die mit Bestimmtheit und Nachdruck durchgeführt werden müssen, aber auch Nachsicht bei Unwichtigem und Nebensächlichem. Wenn das Kind spürt, daß man ihm grundsätzlich wohlgesinnt ist, seine Schwierigkeiten kennt und ihm bei der Umgehung dieser Schwierigkeiten helfen will, übersteht es viele unerfreuliche Situationen unbeschadet.

Ständige Zuwendung und Lob: Aus Experimenten weiß man, daß alle Kinder sich auf Lob verbessern und ohne Lob verschlechtern, aber nur die POS-Kinder verschlechtern sich ganz besonders bei unregelmäßigem Lob, denn sie können sich auf den Wechsel nicht einstellen.

Ausschaltung unnötiger Reize: Wenn das Kind möglichst weit vorne beim Lehrer und neben einem ruhigen Kind plaziert ist und sich auf seiner Pultfläche nur das befindet, was es zur gegenwärtigen Arbeit benötigt, kommt es besser zurecht. Wenn es aber besser arbeiten kann, wenn es einen Bleistift zerkaut, ist das zu tolerieren.

Direkter körperlicher und Blickkontakt: Der Lehrer, der das Kind während der Arbeit öfter direkt ansieht oder im Vorbeigehen stehen bleibt und die Hand auf seine Schulter legt, wird die Arbeit unterstützen und helfen bessere Leistungen zu erbringen.

Kurze Arbeitszeiten mit Strukturierung der Aufgaben in Einzelschritten: Wegen der geistigen Ermüdung bei Kompensation von Wahrnehmungsstörungen kann das Kind bei kurzen Arbeiten besser zeigen, was es wirklich kann. Außerdem kann man ihm z. B. erlauben, auf einem Rechenblatt zuerst alle Plus- und dann nachher alle Minusrechnungen zu machen, anstatt sie gemischt bewältigen zu müssen.

Versagensangst abbauen, indem man dem Kind möglichst oft behilflich ist Versagen zu umgehen.

Legal die Erlaubnis zur Bewegung, z. B. Tafel putzen, etwas holen , oder Mitschülern die Hefte zu verteilen. Churchill durfte pro Stunde einmal um die Schule laufen.

Ertragen der Langsamkeit, z. B. Aufgaben in und nach der Schule reduzieren oder Textaufgaben (in der Mathematik) mehrfach deutlich vorzulesen, damit Kinder, die mit dem Lesen Schwierigkeiten haben, dann die Aufgabe begreifen können.

Schließlich Geduld, unendlich viel Geduld. Kein Kind will Mißerfolg, Strafe, Ablehnung. Kein Kind will schlecht sein. Sagen Sie bitte nicht: "Es kann ja, wenn es will!" Die Technik - sich adäquat und angepaßt zu verhalten - wird von diesen Kindern erst viel später und sehr mühevoll erworben. Diese Geduld kann man vielleicht nur dann aufbringen, wenn man weiß, wie sehr die Kinder selber unter ihrer Störung leiden.

 

Ausblick

Trotz aller Therapiemöglichkeiten bleiben Schwächen in vielen einzelnen Gebieten (wir haben das Modewort "Teilleistungsstörungen"). Diese Schwächen schließen aber eine überdurchschnittliche Leistung in anderen Gebieten nicht aus. Oft sind diese Menschen später eine Bereicherung für die Welt, da sie den sogenannten Normalen etwas voraus haben: Mit kindlicher Begeisterungsfähigkeit, erfrischendem Neugierverhalten, originellen Problemlösungen bringen sie Leben in einen grauen Alltag. Mit ungewöhnlichen Verhaltensweisen und anders strukturierter Sensibilität sind sie oft so phantasiereich und farbig, daß Gleichaltrige neben ihnen alt erscheinen. Eine allen Pädagogen wohlbekannte Persönlichkeit wird in einer Biographie in einer Art und Weise geschildert, daß man sicher sein kann, daß es sich um ein hyperkinetisches Kind gehandelt haben muß. Ich zitiere: "Er hatte schon früher den Ruf eines etwas sonderbaren Menschen. Meist schien er tief in Gedanken versunken zu sein. Immer wieder erwähnen Zeitgenossen seine sprichwörtliche Zerstreutheit ... Was sein Äußeres betraf, so lachte man in Freundeskreisen darüber und schalt ihn seiner vernachlässigten Kleidung und seiner ungepflegten, struppigen Haare wegen. Ebenso auffällig schien sein Gang: Entweder stolperte er oder er kam so zögernd daher, als habe er etwas verloren. Rock, Halstuch und Strümpfe waren stets irgendwie zerknüllt oder verschoben. Verneigungen glückten ihm nie; wenn er eine gefüllte Teetasse ein Stück weit zu tragen hatte, endete das meist mit einem Unglück ... Seine Lehrer rühmten zwar seine Intelligenz, entrüsteten sich aber über seine Art zu lernen ... ja sogar die Orthographie und Interpunktion beherrschte der sonst sprachgewandte Schüler nur sehr mangelhaft. Seine Studien brach er dann auch vorzeitig ab". Es handelt sich um Heinrich Pestalozzi.

Vielleicht sollten wir in Zukunft, wenn wir über ein solches Kind nachdenken, nicht von einem hyperaktiven Kind oder einem Kind mit einer Hirnfunktionsstörung sprechen, sondern sich ein Kind mit einem Pestalozzisyndrom vorstellen.

Wenn Eltern, Erzieher, Lehrer, Ärzte und Psychologen zusammenarbeiten und alle heute möglichen Therapien sinnvoll anwenden, können wir helfen, das Leben dieser Kinder nicht im ständigen Mißerfolg, Unglück und Verzweiflung verlaufen zu lassen, und Kriminalität und Asozialität vorprogrammieren, sondern ihnen durch liebevolle und hilfreiche Integration den Weg zu einem besseren und erfüllten Leben zu bahnen.


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