Informationsschrift
zum Thema "Legasthenie und ADHD"
von Dipl.-Psych. Dr. phil. Edith Klasen, Fachpsychologe
für Klinische Psychologie, BdP
ehemalige 1. Vorsitzende des Bayerischen Landesverbandes Legasthenie e.V.
Menzingerstr. 139, 8000 München 50, Tel.: (089) 811 56 25
Referat für die Elterninitiative zur Förderung hyperaktiver Kinder e.V., Regionalgruppe München, Goethestraße am 23.7.1987
Vielen Dank für die Einladung. Meine berufliche Erfahrung mit Lernstörungen, insbesondere der Legasthenie begann 1960 an einer Leseklinik bei San Francisco, in Californien. Dort fand auch meine erste Begegnung mit Hyperaktivität statt. Aus meiner Untersuchung von 500 Legasthenikern dieser Leseklinik entstand mein Buch "Das Syndrom der Legasthenie", (2. deutsche Auflage 1971 bei Huber, Bern), das auch einen Abschnitt zum Thema Hyperaktivität hat.
Darin berichte ich, daß 27% der legasthenischen Kinder in meiner Stichprobe hyperaktiv waren, ..."d.h., sie zeigten übersteigerte Muskeltätigkeit, konnten nicht stillsitzen, waren ablenkbar, mußten alles anfassen, öffnen und bewegen; sie sprachen oder erzählten unentwegt, anstatt sich der geforderten Sache zu widmen und erwiesen sich generell voll überschüssiger, schwer kontrollierbarer Energie. Es fehlte bei ihnen an den sonst normalen Bewegungshemmungen sowohl der motorischen als auch der sensorischen Impulse."
Was mich subjektiv und als medizinischen Laien bei diesen Kindern am stärksten beeindruckte und bis heute beeindruckt, das ist der enorme Energieaufwand! Wenn ich so ein Kind für zwei Teststunden oder 45 Minuten Spieltherapie bei mir gehabt hatte, war ich vom bloßen Zuschauen erschöpft. Es schien mir offenkundig, daß ein solcher Energieaufwand niemals allein aus ungenügender Erziehung, aus Trotz oder Disziplinlosigkeit gespeist werden kann. Die Kinder wirkten auf mich vielmehr krankhaft getrieben, gehetzt, sich unwohl fühlend in ihrer eigenen Haut, ruhelos, unstet, unfähig, etwas zu genießen - obwohl doch im Grunde lieb, offen, kantaktsuchend, gesprächsfähig. Diese guten Seiten scheinen aber immer nur für Momente durch, während das hetzige, fetzige Umherschweifen des Körpers und der Gedanken weitgehend die Überhand behält. Wenn ich, selbst total erschöpft von dem Versuch, auf das Kind einzugehen und es bei einer Sache, z.B. einer Testaufgabe, zu halten, es nach 1-2 Stunden wieder seiner Mutter oder seinem Lehrer übergab, so konnte ich mich nur nachdenklichst fragen, wie sie es denn stundenlang und zusammen mit anderen Kindern ertragen können!? Und dabei geht es ja nicht nur ums Ertragen in Familie und Schule, sondern darum, das Kind zu erziehen, ihm etwas beizubringen, es zum schulischen Lernen zu bewegen. Und das, während Lehrer, aber meist auch Mütter, nebenher noch für andere Kinder verantwortlich sind!
Es handelt sich zudem gar nicht um wenige Kinder, die solche Schwierigkeiten haben und bereiten. In den USA rechnet man laut statistischer Untersuchungen damit, daß 8-9% aller Grundschulknaben und 2-3% aller Grundschulmädchen hyperaktiv sind. Unter den älteren Kindern sind die Anzeichen etwas weniger auffällig, und alle Statistiken leiden unter der Frage, was noch normale Unruhe und was schon krankhafte Überaktivität ist. Untersuchungen, die umgekehrt, also nicht wie meine von legasthenischen, sondern von hyperaktiven Kindern ausgehen (wie z.B. Prechtl) zeigen, daß bis zu 90% auch Lese-Rechtschreib-Schwächen zeigen. Die beiden Gruppen überschneiden sich also weitgehend. Es gehört zur Natur der Sache, daß sowohl bei den Kindern, die primär wegen ihrer Hyperaktivität auffallen, als auch bei den Kindern, die vor allem wegen ihrer Legasthenie auffallen, eine Lernstörung besonders hervorsticht, nämlich die Konzentrationsschwäche, die Aufmerksamkeitsstörung, die Unfähigkeit, länger bei der Sache zu bleiben. Das Kind ist sowohl motorisch als sensorisch ungehemmt, es fehlt die normale Steuerung. Jedem motorischen Impuls zur Bewegung wird nachgegeben; jedem sensorischen Impuls, d.h. jedem Sinnesreiz (dem Flugzeug, das man von draußen hört, dem Kästchen, das sich öffnen läßt, der Lampe, die sich einschalten läßt, etc. etc.) ist das Kind sozusagen hilflos ausgesetzt. Wie kann es sich, wenn es allen diesen Impulsen nachgibt, etwa auf ein Diktat konzentrieren!? Das Ergebnis sind alle Arten von Lernstörungen, die man aber nicht seiner "Krankheit" zuordnet, sondern seiner Unkonzentriertheit, Faulheit und Dummheit. "Du brauchst nur aufzupassen, dann kannst du es." Dieses Schicksal ist Hyperkinetikern und Legasthenikern bis heute weitgehend gemeinsam.
Einmal sind die Erscheinungsformen der Hyperaktivität in meinen bisherigen Ausführungen bereits teilweise zur Sprache gekommen und zum anderen sind Sie, verehrte Zuhörer, aus täglichem Erleben nur allzu vertraut damit. Außerdem haben Dr. Eichlseder und andere Autoren sehr lebendige Einzelbeschreibungen hyperaktiver Kinder geliefert, die an Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Ich möchte dem nichts mehr hinzufügen, außer vielleicht einer Anmerkung: am 21.Juni dieses Jahres brachte hier bei uns der amerikanische Sender AFN (American Forces Network) ein Interview mit dem US-Psychologen Dr. James Dobson. Er sprach von einer neuen Checkliste mit 22 hyperaktiven Merkmalen, die aufgrund statistischer Untersuchungen zusammengestellt wurde. Treffen bei einem Kind 13 oder mehr der darin aufgezählten Anzeichen zu, so darf man davon ausgehen, daß hier nicht nur Unruhe, sondern Hyperaktivität vorliegt. Weniger bekannt sind vielleicht die Erscheinungsformen der Legasthenie. Sie können unmöglich im Rahmen eines einzigen Vortrages erschöpfend dargestellt werden, ganz abgesehen davon, daß es die Legasthenie ja offiziell nicht gibt. Sie wurde 1978 von der Kultusministerkonferenz (KMK) abgeschafft, d.h. es wurden die Legasthenikerförderkurse und der Notenbonus für diese Kinder gestrichen. Auch oder gerade in Bayern sind seither die Eltern und Kinder noch stärker auf eigene Initiativen angewiesen, wie jene, die Sie in ihrem, die ich in meinem Verband und die hinsichtlich des Legasthenietherapieangebotes der Arbeitskreis Legasthenie entwickelt (Menzingerstr. 139, 8000 München 50, Tel.: (089) 8115625). Während Schulbehörden und auch manche Theoretiker daran zweifeln, wissen die Praktiker, das sind Eltern, Lehrer, Kinderärzte, Psychologen, usw., daß es Legasthenie gibt. Dabei handelt es sich um eine erhebliche Lernschwierigkeit, um eine Teilleistungsstörung beim Erlernen der Schriftsprache und dies gerade bei solchen Kindern, bei denen man es nicht erwartet, weil sie ja in anderen Bereichen lernfähig, ja z.T. sogar besonders talentiert sind - oder es wenigstens waren, ehe sie, angesichts ihres speziellen Dauerversagens, des Nichtverstandenwerdens, der Vorwürfe und ausbleibenden Spezialhilfe, auf der ganzen Linie aufgaben. Wenn es heute noch einen Wissenschaftsstreit um die Legasthenie gibt, die Schulen keinesfalls immer zu helfen in der Lage sind, die meisten Fachleute ratlos sind, die Eltern oft keine Hilfe finden, die Elterninitiativen und Verbände noch zu wenig bewirken und Opportunisten nutzlose, aber teure Allheilmittel an den "armen Mann" bringen können, so liegt das nicht zuletzt daran, daß die Legasthenie kein einheitliches Erscheinungsbild bietet. Jeder Mensch, der davon betroffen ist, hat seine Legasthenie. So, wie jeder seine Hyperaktivität hat. Die Legasthenie oder die Hyperaktivität gibt es nicht, so wenig, wie es die Handschrift oder die Mimik gibt. Jeder hat seine eigene. Die Merkmale sind ähnlich, aber die Ausprägung ist bei jedem Menschen anders.
Allgemein, auf die Gruppe hin gesehen, läßt sich sagen, daß Legasthenie sich oft schon im Kleinkindalter indirekt ankündigt: verspäteter Sprachbeginn; Sprachfehler (auch nur vorübergehend; vielfach Artikulationsschwäche), verspätete motorische Entwicklung, besonders in der Feinmotorik (Stift halten, Perlen aufreihen), als Koordinationsmangel (von Hand und Auge beim Einfädeln, Abmalen, Zielen), als Aufmerksamkeitsschwäche (bleibt bei keinem Spielzeug, bringt Malen oder Spiel nicht zu Ende), Niedrige Frustrationsschwelle (gibt gleich auf, kann nicht warten, muß immer gewinnen), als Umstellungsproblem bei neuen Situationen (anderer Tagesablauf, neue Wohnung, fremde Kinder) und einige andere.
Beim Schulkind kann man Anzeichen im Schriftsprache- und Verhaltensbereich unterscheiden. Nicht alle möglichen Schwierigkeiten im Erlernen der Schriftsprache treten bei jedem Kind auf; das eine hat mehr Probleme mit der visuellen Erfassung der Buchstaben (o und c), das andere kann nur schwer ähnlich klingende Laute heraushören (ä und ü), ein weiteres bringt sie nur schwer in die richtige Reihenfolge (Geräten statt Gärten), dem nächsten ist die Lage des Buchstaben im Raum unklar (b und d; d und q), wieder eines kann nicht zusammenschleifen (H U N D zu Hund), das nächste kann sich die Bildgestalt des Buchstabens nicht merken (Speicherschwäche: "Wie sah das A nochmal aus?"), Groß- und Kleinschreibung bleiben einem weiteren Kind ein ewiges Rätsel und manch einem ist es fast unmöglich, beim Diktat das Gehörte in Geschriebenes umzusetzen. Die Handschrift bleibt bei vielen unleserlich und das Lesen, vor allem das Lautlesen, eine stockende, ermüdende, mit Raterei vermischte Angelegenheit. Ermüdung, Angst vor Prüfungen, Aufregung und dergleichen lassen die genannten Symptome verstärkt auftreten.
Zu den Verhaltensproblemen gehören meist Konzentrationsmangel, Merkstörungen (nicht Zuhören, nicht Aufmerken, nicht Erinnern), Ablenkbarkeit (Reize, wie z.B. das Tun anderer Kinder im Klassenzimmer, lenken ab; Ablenkungen werden aber auch gesucht, z.B. indem man andere Kinder stört, herumläuft, laut und zusammenhanglos redet im Unterricht, den Clown macht, usw.). Mangel an Ausdauer, Nichtstillsitzenkönnen, Abneigung gegen Arbeiten mit Papier und Bleistift, Bewegungsüberschuß und allgemein störendes Verhalten gehören dazu. Später hinzukommende Probleme sind vor allem Ängste (65% der von mir untersuchten 500 Legastheniker zeigten Angstsymptome). Sie treten auf als Prüfungsangst, Angst vor dem Aufgerufenwerden in der Klasse, vor dem Vor-der-Klasse-Stehen-Müssen, Zeugnisangst, Angst zu versagen, Angst vor Eltern oder Lehrern, Einschlafangst, Alpträume, Angst vor dem Erwachsenwerden, Schulangst - bis zur Selbstmordgefahr. Wir alle kennen auch die psychosomatischen Anzeichen: Kopf- und Bauchweh scheinbar ohne Grund, Fieberschübe, Einnässen, usw. Aber auch soziale Unreife, Infantilismen, Schuldgefühle, depressive, resignative oder indifferente Dauerverstimmungen, Unselbständigkeit, mangelndes Selbstvertrauen und geschädigtes Selbstwertgefühl sind zu beobachten. Zu den aktiveren Reaktionen gehören: Aggression (Erwachsenen, Kindern und Dingen gegenüber, auch Tieren), Aufschneiderei, Schreierei, Schlägerei und alle Arten von Störverhalten. bei Nichterkennen und Nichtbehandeln können sie bis zur späteren Kriminalität führen. Zahlenmäßige Nachforschungen haben gezeigt, daß unter den Aussteigern, den Jugendlichen in Erziehungsheimen und den Erwachsenen in Haftanstalten 18 bis 30% Legastheniker zu finden sind, bzw. ehemalige Legastheniker. Bei den Hyperaktiven liegen die Zahlen ähnlich.
Da jedes Kind seine Legasthenie hat, muß jeder Einzelfall individuell abgeklärt werden. Dazu führt der fachkundige Psychologe ein Gespräch mit den Eltern, er erhebt die Vorgeschichte, stellt mit Hilfe von Intelligenztests die Allgemeinbegabung fest, vergleicht diese mit Hilfe von Leistungstests mit den besonderen Stärken und Schwächen des Kindes, beobachtet das Kind gezielt, stellt Kontakt her, spricht mit ihm, macht u.U. auch noch Persönlichkeitstests mit ihm und erstellt dann einen individuellen Behandlungsplan.
Wie die Diagnose, so kann auch die Behandlung hier heute abend nur kurz skizziert werden: Legasthenietherapie ist eine Mischung aus Psychotherapie und gezielten Unterrichtshilfen. Sie kann daher nur von Diplom-Psychologen mit besonderer Zusatzausbildung durchgeführt werden (ist auch Voraussetzung für Finanzierung durch BSHG, §39). Hinzu kommt noch die Zulassung zur Psychotherapie lt. Heilkundegesetz.
a) Therapie
Psychotherapie heißt hier nicht Psychoanalyse mit Aufdeckung des Unbewußten oder verdrängter frühkindlicher Traumata. Psychotherapie heißt hier vielmehr, das Kind da abholen, wo es ist, persönlichkeits- und leistungsmäßig, es weder über- noch unterfordern, Entspannungs-, Wahrnehmungs- und Konzentrationshilfen, spielendes Üben, Ermutigungstherapie, Abbau von Verhaltensschwierigkeiten durch Spiel- und Gesprächstherapie, Aufbau einer positiven Lernmotivation, eines neuen Selbstwertgefühls, Vermittlung von Erfolgserlebnissen, Elternberatung, Entwicklung von Strategien der Problembewältigung in Elternhaus und Schule.
b) Training
Zum Lese-/Rechtschreibtraining innerhalb der Legasthenietherapie gehören: schrittweise Heranführung des Kindes an sein Alters-, Intelligenz- und Klassenniveau - Wahrnehmungsübungen aller Art - Einbeziehung aller Sinne in das Lernen (Sehen, Hören, Fühlen, Bewegung) - Funktionsübungen zur Tempobeschleunigung, zu besserer Koordination, Geläufigkeit, Konzentration, Raumorientierung usw. Gezielte Funktionsübungen auch bei Dehnungs- und Schärfungsfehlern, beim Erlernen von Regeln und Ausnahmen, beim Zusammenschleifen, Groß- und Kleinschreiben, Einhalten von Sequenzen, usw. Hilfsmittel sind dabei: Wortkarten, "begreifbare" (z.B. Plastik-) Buchstaben, Lautgebährden, Bildkarten, Lernspiele aller Art, Lük-Kästen, audiovisuelle Geräte, Selbsttests, usw. Legasthenietherapie hat prozessualen Charakter, d.h. daß der geübte Psychologe während der Behandlung immer aufs neue diagnostiziert, was sich geändert hat, wo das Kind jetzt ist, was es braucht, wie man wo zum nächsten Schritt ansetzt, wann Wiederholung nötig ist, wann Abwechslung, wie weit das Kind schon selbständig geworden ist, usw. Ein hoher Grad an Flexibilität, Beobachtung, diagnostischem Wissen, unterrichtlichem Können, Material- und Methodenreichtum, das sind die Hauptmerkmale des Legasthenietherapeuten.
Ob Legasthenie oder Hyperaktivität, oder beide zusammen, wo immer sie vorkommen, bedeuten sie für die betroffene Familie einen Leidensweg. Für mein Empfinden fehlt es in den meisten Schriften und Vorträgen über Hyperaktivität an der vollen Würdigung der Belastung, die eine betroffene Familie zu tragen hat. Die Eltern, das kann nicht genug betont werden, befinden sich in einer schlimmen Situation. Dies gilt mehr noch für die Mutter. Sie ist es, die am meisten mit dem Kind zusammen ist. Sie ist es, der unaufgeklärte Psychotherapeuten bis heute weiszumachen versuchen, daß sie schuld ist an der Hyperaktivität des Kindes. Sie liebe es nicht, sie neige zur Überbehütung, sie habe es unbewußt gar nicht haben, nicht zur Welt bringen wollen, sie benutze es als "Waffe" ihrem ungeliebten Mann gegenüber und wie immer die Vermutungen lauten mögen, die zu nichts anderem angetan sind, als die Mütter zu verunsichern, ihnen schreckliche Schuldgefühle aufzubürden - zusätzlich zu dem realen Leid, das die Situation ihres Kindes ihr bereitet. Ich weiß nicht, wieviele Mütter bei mir in erlösende, befreiende Tränen ausgebrochen sind, wenn ich ihnen klarmachen konnte, daß Hyperaktivität eine "Krankheit" ist, eine ererbte Disposition, die das Kind unabhängig von äußeren Einflüssen mitgebracht hat und in sich trägt. Abgesehen von dieser besonderen Betroffenheit der Mütter durch falsche psychoanalytische Ansätze, sind es ebenfalls die Mütter, die von Anfang an mehr leiden. Sie tragen das Kind, das oft schon im Mutterleib besonders aktiv ist, das als Säugling schon Still-, Schlaf- und Eßschwierigkeiten zeigt. Sie müssen damit fertig werden, daß es dauernd weint und schreit, im Laufstall rhythmisch den Kopf anschlägt, nicht auf dem Arm gehalten werden will, nicht liebkost werden will, aber die Mutter dauernd in Sorge und auf Trapp hält! Anfangs versuchen meist beide Eltern, das Kind, dessen Unarten deutlicher werden, wenn es zu laufen beginnt, mit ganz normalen Erziehungsmaßnahmen zu lenken und zu schützen. Bald merken sie, daß es dem Kleinen trotzdem gelingt, aus dem Gitterbett zu steigen, alles herunter- und herauszureißen, durch Türen und Fenster zu entkommen, jegliche Gefahr zu ignorieren und schon als Krabbelkind bis auf die Fahrbahn draußen zu gelangen. Nun werden die Nachbarn aufmerksam, die Kindergärtnerin, die Verwandten und Bekannten. Sie signalisieren fast ausnahmslos: ihr versagt bei der Erziehung, ihr paßt nicht auf, habt keine Autorität bei dem Kind; wenn mein Kind sich so benähme! Es regnet nur so Vorwürfe und Schuldzuweisungen, alles zerstörerische Angriffe auf das elterliche Selbstbewußtsein. man weiß sich immer weniger zu helfen; alle Strafen und Belohnungen, die man schon versucht hat, sind ohne Erfolg geblieben. Erreicht das hyperaktive Kind das Schulalter, kommen zu seinem ungezügelten Benehmen Aggressionen hinzu. Es lehnt jede Autorität ab, lehnt sich auf gegen Gebote und Verbote, will Spielregeln das familiären Zusammenlebens gewaltsam in seinem Interesse ummodeln. Es benimmt sich aufreizend schlecht bei Tisch; bei Autofahrten quengelt es andauernd; es zerbricht Sachen und schlägt Kinder. Was wie feindselige Aggression aussieht, ist vielleicht in Wirklichkeit nur Überreizbarkeit, Impulsivität, Hilflosigkeit; Tatsache ist, daß das Kind immer und überall aneckt, nicht zuletzt natürlich in der Schule. Von dort werden weitere Klagen und Mahnungen an die Eltern gerichtet. Was immer die Eltern versuchen, nichts fruchtet. Nun beginnen sie, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Der eine ist zu lax, der andere zu streng. Der Vater verhängt Ausgehverbot, ist aber nicht zu Hause, wenn es ausgeführt wird und die Mutter beklagt sich, daß sie nun die Last tragen soll. Oft entsteht die sog. "double-bind-Situation", in der das Kind widersprüchliche Botschaften von Vater und Mutter bekommt: du gehst sofort ins Bett, du darfst noch zu Ende fernsehen. Wie immer es darauf reagiert, seine Reaktion ist entweder dem einen oder dem anderen Elternteil nicht recht - wo es doch beide lieben und beiden gehorchen soll! Meist sind solche double-bind-Botschaften viel subtiler als in diesem Beispiel; desto ärger ihre Wirkung. Die Geschwister verstehen das hyperaktive Kind nicht; sie hassen es, weil es aufdringlich ist, alle Spiele und Aktivitäten stört, nicht auf die Eltern hört, nie aufräumt, nichts zu Ende macht, weil es offenbar nur ein Gaspedal aber keinerlei Bremspedal hat. Das Kind wird isoliert von Geschwistern, Spiel- und Klassenkameraden. Die Eltern isolieren sich und werden isoliert, weil auch Erwachsene ihr Kind ablehnen und diese "Erziehungsfehler" seitens der Eltern nicht billigen; man meidet den Umgang. Ächtung und Isolierung von außen, Unfrieden innerhalb der Familie, völlige Rat- und Aussichtslosigkeit, das sind Belastungen, die häufig zur Scheidung, also zum Zerfall der Familie und leider wohl auch öfter als wir wissen, zu Kindesmißhandlungen führen.
Angesichts des zuletzt geschilderten Leidenswegs der ganzen Familie tut vor allem Aufklärung not. Es muß Allgemeinwissen werden, bei Fachleuten, bei Laien und in der Öffentlichkeit, daß es Kinder gibt, die sich schlecht benehmen, aber nicht schlecht sind und auch nicht von schlechten Eltern nur schlecht erzogen sind. Der Druck der Schuldzuweisungen muß von ihnen genommen werden, das ist der wichtigste Schritt in Richtung Hilfe und Hoffnung. Nach der Aufklärung und mit dem versachlichten Wissen muß eine Entlastung kommen, nicht nur von Minderwertigkeits- und anderen negativen Gefühlen, sondern auch von der kräftemäßigen Belastung. Vor allem heilpädagogische Tagesstätten - wie Horte, Schultagesheime, Tagesheimschulen - sind hier gefordert, aber auch Internate und Kinderkurheime, sowie Mutter-und-Kind-Erholungshäuser. Eltern, Geschwister und vor allem die Mutter müssen zeitweise entlastet werden. Verwandte, Bekannte, Nachbarn, Zivildienst- und Sozialjahrleistende, alle könnten der Familie helfen, wenn sie regelmäßig der Mutter einen freien Nachmittag, beiden Eltern oder der ganzen Familie, ausgenommen das Problemkind, einen regelmäßigen freien Sonntag, Kurzurlaub, Wochenendausflug oder eine wie immer geartete Atempause garantieren würden. Diese Entlastung muß kommen, bevor ein Familienmitglied total erschöpft ist, der Haß handgreifliche Formen annimmt, Verzweiflungs- oder Kurzschlußreaktionen aufkommen, bzw. Ehe und Familie zerbrechen. Hilfe und Hoffnung kann nur kommen, wenn alle Hyperaktivität und Lernstörungen als eine ganzheitliche Aufgabe betrachten, an der alle mitwirken müssen: der Arzt, der die Medikation verschreibt und im Zusammenhang damit die Gesamtgesundheit des Kindes überwacht; der Psychologe, der bei Abklärung, Beratung und Therapie mitwirkt; der Lehrer, der mit besonderer Geduld und speziellen Unterrichtsmethoden hilft; der Wissenschaftler, der Ursachen und Verhinderungsmaßnahmen erforscht; die Kindergärtnerin, die Hortnerin, die das Kind nicht aufgeben; die Medien, die zur Aufklärung der Öffentlichkeit beitragen; die Tagesstätten und Freiwilligen, die die Familie zeitweise entlasten; die Elterninitiativen und Verbände, die sich für die Belange der Betroffenen einsetzen; die Schulbehörden und Sozialämter, die erleichternde Bestimmungen erlassen; die Eltern, die den Mut nicht verlieren; und last but not least das Kind selbst, das spüren können muß, daß nicht es selbst bekämpft wird, nicht es selbst gehaßt oder abgelehnt wird, sondern nur sein Störverhalten. Es muß spüren können, daß andere nicht seine Feinde sind, sondern seine Verbündeten in seinem Kampf gegen seine eigenen Schwächen. Partnerschaft aller Beteiligten, die Achtung der Menschenwürde bei den Betroffenen, die Erhaltung der Lebens- und der Lernfreude, der Wille, immer weiter zu lernen und neue Erkenntnisse weiterzugeben, das ist das Fundament, auf dem ein ganzheitliches Helfen und Hoffen weiter gedeihen kann.
Copyright © 1996 All rights reserved. Bundesverband der Elterninitiativen zur Förderung hyperaktiver Kinder e.V., Postfach 60, 91291 Forchheim (FAX: 09191/34874)
Anmerkung:
Dieses Referat wurde vor fast 10 Jahren gehalten! Es ist heute so aktuell wie damals! Legasthenische und ADHD-Kinder, wie sie in diesem Artikel besprochen werden, betrachtet man heute eher als Sonderfälle der allgemeineren Problematik ADD (Attention Deficit Disorder).
Doch in den letzten 10 Jahren hat sich in der Praxis leider nur sehr wenig für die betroffenen Kinder und ihre Eltern verändert. Damit das Wissen um diese Problematik sich verbreitert, können Sie sich gerne diesen Artikel ausdrucken und ihn weitergeben. Das entspricht dem ausdrücklichen Wunsch der Autorin und des Bundesverbandes.
Im Jahr 1995 hat Frau Edith Klasen ein weiteres Buch veröffentlicht: “Legasthenie, umschriebene Lese-Rechtschreib-Störung”, das im Piper-Verlag erschienen ist.